Jewish Past Finder
7. Oktober
Getanzt bis in den Morgen, das Leben gefeiert, gelacht und Spaß gehabt, geglaubt, man gehöre dazu und sei ein ganz normaler Mensch unter 8,4 Milliarden Menschen – und dann: Schüsse, Schreie, entsetzliche Schreie, Panik, nackte Angst ums eigene Leben. Rennen, während um dich herum weiterhin die Schüsse fallen. Verzweifelte Suche: Wo ist ein sicheres Versteck?
Den Schutzraum erreichen und verbarrikadieren. Stundenlang darin ausharren, während draußen weiter Schüsse und Schreie zu hören sind. Dann Rütteln an der Tür. Schüsse und das bange Zittern: Wird die Tür standhalten? Was ist, wenn sie das Haus anzünden?
Irgendwo auf dem Gelände des Kibbuz, in deiner Wohnung, im aufgebrochenen Schutzraum: Ein Schuss trifft dich, du sinkst schreiend und schmerzverzerrt nieder. Wirst an den Haaren oder dem Arm gepackt, über den Boden geschleift und auf einen Pick-Up geworfen, stöhnst vor Schmerzen, wirst bewusstlos.
Später findest du dich gefesselt in einem Tunnel wieder, deine Wunde nur notdürftig versorgt. Du hungerst schmerzvoll und bist entsetzlich durstig. Mehr als 500 Tage siehst du kein Sonnenlicht, wirst durch die Terroristen gedemütigt, geschlagen, gefoltert, vergewaltigt. Mehr als einmal denkst du daran, deinem Leben ein Ende zu machen – und klammerst dich dann doch an der Hoffnung fest, dass dieser Irrsinn hier irgendwann ein Ende haben muss.
Deine Angehörigen warten verzweifelt auf ein Lebenszeichen von dir, versuchen alles, um mit dir in Kontakt zu kommen. Durchwachen endlose Nächte, funktionieren nur noch im Alltag, sind nicht mehr wirklich fähig zu leben. Diese Trauer, dieser Schmerz, diese Verzweiflung, die sie regelrecht auffrisst.
Deine nichtjüdischen Freunde und Bekannte, die Politiker, die Medien: Anfangs zeigen sie noch Mitgefühl. Doch als dein Land sich wehrt, die Armee deines Landes versucht, die Leitzentralen der Terroristen auszuschalten, kippt die Stimmung ganz schnell: DAS sollen Opfer sein??! Zunächst versuchst du zu erklären, dein Land zu rechtfertigen, aber irgendwann begreifst du: Es ist sinnlos.
Und du erinnerst dich an das, was dir Shoah-Überlebende erst nach vielen Jahren des Schweigens erzählten: Von den „JUDE!“-Brandmarkungen an ihren deutschen Geschäften und Wohnungstüren, der Gleichgültigkeit ehemaliger Freunde und Nachbarn, den endlosen Demütigungen, Schlägen und Tritten, der verzweifelten, erfolglosen Suche nach einem Zufluchtsort im Ausland. Von den Nagelstiefeln auf dem Pflaster, dem Brief der Behörden: „..dann und dann dort und dort einzufinden. Es dürfen nur 20 kg Gepäck mitgenommen werden.“
Du hast es selbst nicht erlebt, und dennoch ist es in deine Gene regelrecht eingebrannt: Der entsetzliche Hunger, die stundenlangen Appelle bei eisiger Kälte, die Seuchen, die Sklavenarbeit im Steinbruch, in der Latrine und anderswo. Täglich die zitternde, stumme Frage: Werde ich am Abend dieses Tages noch leben? Und dann die Lücken in der viel zu engen, dürftigen Lagerstatt – da, wo gestern noch einer, eine gelegen hat. Der schwarze Rauch und der grauenhafte Gestank aus den Schornsteinen des Lagers und dein stummer Schrei: Warum??!
Zurück in der Gegenwart, beschleicht dich erneut die Ahnung: Der Welt scheint dein Leid gleichgültig zu sein, ja sie starrt einzig und allein auf das, was ihrer Meinung nach die Armee deines Landes denen angetan hat, die unter der Herrschaft von Terroristen leben müssen. Und du fragst dich wieder und wieder: Was habe ich der Welt eigentlich getan, dass sie mich derartig hasst?
Zum Gedenken an die israelischen Opfer des Hamas-Terrorangriffs vom 07. Oktober 2023
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Über mich
Rainer Borsdorf, Historiker (M.A.) & Autor
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